Navigator
Hintergrundgeschichte der 1KKF
<<<<

Inhaltsverzeichnis:


Teil1




Zum Inhaltsverzeichnis

Teil2

„Nein, nie wieder!“ dachte Jochen Heinrich grimmig. Er zwang sich den Griff um das Weinglas zu lockern. Der rundliche Händler blickte auf den Bocksbeutel neben ihm und lächelte säuerlich. Es wäre schade um den guten Wein dachte er, die beste Sorte Kitzingens die eigentlich als Präsent für neue Geschäftspartner gedacht war. Nun, diese neuen Geschäfte würde es auf absehbare Zeit nicht geben, also konnte er den Wein auch selbst trinken. Es war schließlich eh sein Weinberg, zumindest noch. Denn er war dabei etwas zu tun, was ihn Kopf und Kragen kosten könnte.
Der Grund war eine kleine, unscheinbare Nachricht, die im stetigen Informationsrauschen der gewaltigen Inneren Sphäre völlig unbedeutend war, aber auf seinen kleinen Mikrokosmos dramatischen Einfluss hatte. Die Meldung besagte, dass es vor kurzem zu zwei Piratenüberfällen auf nahe gelegene Systeme gekommen war. Natürlich nicht auf Dar-es-Salaam, denn diese Welt war relativ hoch entwickelt und konnte mit Leichtigkeit eine Bande von Plünderer abwehren. Bei seiner Heimatwelt Kitzingen sah es aber gänzlich anders aus. Wie etwa zwei Dutzend andere Systeme im Umkreis zweier Hyperraumsprünge war Kitzingen eine unbefestigte Welt, ohne eigenes Militär und ohne Garnison eines der großen Herrscherhäuser. Heinrich machte dem Haus Steiner daraus keinen Vorwurf, jedenfalls nicht auf intellektueller Ebene. Kitzingen war zwar schon vor langer Zeit kolonialisiert worden, aber mangels lohnenswerter Metallvorkommen verharrt die Welt auf dem Status eines gering bevölkerten, unbedeutenden Agrarplaneten ohne nennenswerten wirtschaftlichen oder militärischen Wert für den Archon. Daher verschwendete dieser auch nicht die immer knappen Mittel zur Verteidigung eines Planeten, der auch für seine Feinde kaum von Interesse war. Es gab nicht einmal einen HGP-Sender auf Kitzingen, was die aktuelle Situation noch weiter verschärfte.
Dank des HPG-Senders auf Dar-es-Salaam hatte er einen Informationsvorsprung von etwa drei Monaten. Denn erst dann würde ein Sprungschiff Kitzingen ansteuern und diese Informationen mit sich tragen. Bis dahin konnte es für seine Welt aber schon zu spät sein. Weit abseits der viel befahrenen Sprungrouten gelegen, fand nur etwa alle sechs Monate ein Sprungschiff den Weg dorthin. Er selbst befand sich seit fast drei Monaten fern der Heimat weil er seine Waren hier immer persönlich auf den Markt warf. Oft war es einfach auf diesem Wüstenplaneten Agrarprodukte abzusetzen und er hatte die letzte Ladung mit mehr als fünftausend Tonnen Getreide, tiefgekühltes Fleisch und Gemüse, getrocknete Früchte, Honig, Saft und Marmelade problemlos zu einem guten Preis verkauft. Bei den exzellenten alkoholischen Getränken seiner Heimat wie Bier, Wein und Schnaps war es auf dieser stark muslimisch geprägten Welt schon etwas schwerer. Es gab einfach nicht genug echte Weinliebhaber auf dieser Welt. Für die Rückreise deckte er sich dann immer mit den auf Kitzingen begehrten Waren ein, wie Fahrzeuge, Elektronik, Maschinen und Werkzeuge, Ersatzteile, Metalle, Medikamente und diverse Konsumartikel. Doch nicht dieses Mal. Dieses Mal würde er eine ganz andere Ladung nach Kitzingen schaffen, eine die seine Heimat vor der Verheerung beschützen würde.
Er war noch ein Kind gewesen, aber er erinnerte sich gut an jene Nacht des Schreckens, als aus dem Himmel drei Landungsschiffe voll mit Plünderer fielen. Er erinnerte sich an die Schüsse in den Straßen, das dröhnende Stampfen der Battlemechs und die Sirenen. Damals gab es auf Kitzingen noch keine Raumortung und die zivile Luftüberwachung entdeckte die Eindringlinge erst im Landeanflug. Drei Tage und Nächte plünderten, mordeten und vergewaltigten diese Bastarde Franken, bis sich ernsthafter organisierter Widerstand regen konnte. Die Polizei war den militärisch ausgerüsteten Angreifern natürlich hoffnungslos unterlegen. Die Barbaren verschwanden, als es nichts mehr zu plündern gab. Sie hinterließen mehr als hundert Tote und entführten 241 Bürger in die Sklaverei, vornehmlich Techies und junge Frauen. Keiner wurde je wieder gesehen und er wollte sich deren grausames Schicksal gar nicht ausmalen.
Mit einem leisen Knacken zersprang das Schoppenglas in seiner Hand und die leichten Schmerzen der Glassplitter die seine Haut durchbohrten holten ihn zurück in die Realität. Er erhob sich dank der niedrigen Gravitation leicht aus dem gemütlichen Ledersessel und durchquerte zügig seine luxuriöse Terrassenwohnung hoch über den Straßen Dar-es-Salaams. Mit einer Pinzette pflückte er sich die Scherben aus seiner Hand und trug ein transparentes Spraypflaster auf. Als Kind hatte er in den Weinbergen seiner Familie gearbeitet und die Versorgung solcher kleinen Verletzungen war ihm geläufig. Er holte eine Kassette aus dem Wandsafe und stellte sie auf den Tisch. Mittels eines komplexen Zahlencodes öffnete er sie und entnahm rund ein Dutzend mit Namen versehene und versiegelte Umschläge, sowie mehrere dicke Bündel C-Noten. Ohne zu zögern brach er die Versiegelungen der Umschläge auf, entnahm alle darin befindlichen Geldbündel und legte sie neben seinen. Eine beeindruckende Summe dachte er sich, obwohl nur etwa zwanzig Prozent davon ihm gehörte. Der Rest war Eigentum befreundeten Händlern aus Kitzingen, deren Waren ihm zum Verkauf oder Transport anvertraut waren. Nicht ohne Sarkasmus bemerkte er die absurde Situation in der er sich befand. Wurden seine Befürchtungen wahr stand seiner Heimat ein weiterer brutaler überfall bevor. Irrte er sich musste er sich wegen der Veruntreuung verantworten.
Aber er hatte sich bereits entschieden, sammelte eilig das Geld ein und verstaute es in einer unscheinbaren Aktentasche. Er hatte einen Termin und war drauf und dran, sich zu verspäten. Er hatte schon unglaubliches Glück im Unglück gehabt, kein Grund es noch mehr zu strapazieren. In der Tiefgarage wartete schon sein Fahrer und sie brausten über die immer geschäftigen Straßen Dar-es-Salaams durch die Nacht. Unterwegs dachte er an jenen Abend vor vier Tagen zurück, als er die letzten Hektoliter Schnaps direkt an eine Bar am Raumhafen verkaufte und auf diese randalierenden Fremdwelter aufmerksam wurde, die gerade unsanfte Begegnung mit der Sicherheit des Etablissement hatten. Auf seine Nachfragen und eine kleine C-Note erfuhr er, dass diese Bande zu einer kürzlich eingetroffenen Söldnergruppe gehörten. Gegen eine weitere kleine Summe holte er sie aus der Zelle der Polizeiwache und spedierte ihnen ein Katerfrühstück. Beim Essen erfuhr er so einiges von seinen neuen Bekannten und schätzte die Begegnung als glückliche Fügung. Am folgenden Tag holte er Erkundigungen über diese Söldnereinheit ein, wobei sich die offiziellen Informationen als veraltet erwiesen. Die Söldner waren offenkundig ziemlich zerrupft und pleite auf dieser Welt angekommen und keineswegs in Kompaniestärke mit eigenem Landungsschiff wie es in der offiziellen Söldnerkartei stand. Während des Frühstücks hatte er schon die ganze traurige Geschichte der Kompanie erfahren und als gewiefter Händler erkannte er, dass diese prinzipiell soliden Söldner günstig zu haben waren. Sie waren die Lösung seines Problems, wobei die Probleme mit dem Abschluss eines Kontrakts überhaupt erst anfingen.
Der Frankenrat auf Kitzingen vertrat überwiegend die Meinung, dass die wirtschaftliche Entwicklung des Planeten mittelfristig sowieso für die Stationierung einer Schutztruppe des Commonwealths sorgen würde. Heinrich schnaubte, er hielt das für eine blanke Illusion die aus Geiz geboren war. Es gab hunderte Planeten in der Inneren Sphäre, die vergeblich darauf warteten und darunter etliche, die weit bedeutsamer als Kitzingen waren. Nein, sie würden selbst für Schutz sorgen müssen und er hatte auch schon einen Plan wie er den Rat dazu zwingen konnte. Aber ein Schritt nach dem anderen, dachte er als die Limousine in den Innenhof der Kanzlei fuhr. Sein Anwalt war schon da, ebenso der Comstar Adept und der Söldnerkommandant mit seinem Quartiermeister. „Na, dann wollen wir mal“ sagte er zu seinem Fahrer, als er aus dem klimatisierten Wagen stieg und sein Pokerface aufsetzte.

-

Lieutenant Keers und Master Chief Roland saßen in ihrem beengten mit Vorhängen abgetrennten Abteil des Landungsschiffes und erledigten Papierkrieg als Sergeant Foster den Kopf durch einen Spalt im Sichtschutz herein steckte.
„Klopf, klopf, Gentlemen“ sagte er, „darf man eintreten?“ Ohne die Antwort abzuwarten schlüpfte er herein, schob einen Teil der Datenchips und Ausdrucke auf Keers Liege zu Seite und pflanze sich frech auf den frei gewordenen Platz. Einige der Chips gingen dabei zu Boden und Foster machte keinerlei Anstalten sie wieder aufzuheben.
„Kommen Sie rein Soldat, machen Sie es sich bequem“ meinte der Master Chief mit einem Grinsen der das missbilligende Stirnrunzeln Keers bemerkt hatte.
„Was kann ich für Sie tun, Frank?“ fragte Keers.
„Wohin fliegen wir denn jetzt genau und wie sieht dieser merkwürdige Kontrakt aus?“ antwortete Foster. „Wir haben ja ordentlich zugelegt in den letzten Tagen, auch wenn es nur Staubschlucker sind“, bemerkte er in Richtung des Master Chiefs, der darauf lediglich mit einem abfälligen Schnauben antwortete. Mechjockeys lästerten gerne über andere Truppenteile, zumindest so lange bis der geliebte, hochheilige Battlemech von einem Panzer oder KSR-Werfer unter ihrem Hintern weggeschossen wurde.
„Sie meinen, ich soll es erst ihnen erzählen und dann der versammelten Mannschaft noch einmal?“ grummelte Keers.
„Ach kommen Sie Lieutenant, bis zum Sprungpunkt sind es fast zwei Wochen, selbst bei dieser fiesen Beschleunigung“ maulte Foster, „wir haben doch die Zeit zum Plaudern.“ Keers seufzte und bemerkte verdrossen, dass der Master Chief vergnüglich in sich hinein grinste und ganz offensichtlich die Situation recht amüsant fand. Nun, die Beschleunigung von etwa anderthalb G war nach mehreren Wochen auf diesem Planeten mit geringer Schwerkraft in der Tat fies. Auch waren die letzten Tage und Nächte nach der längeren Untätigkeit doch recht arbeitsintensiv gewesen. Alle hatten beim Verladen der Mechs, Fahrzeuge und Ausrüstung mithelfen müssen um Kosten zu sparen. Zudem war ständig neues Material angeliefert worden, so dass die Fracht mehrfach umgeräumt werden musste. Die Crew des Landungsschiffes hasste Sie für dieses Chaos und die hohe Beschleunigung die sie ihrem Auftraggeber zu verdanken hatten.
„Wir fliegen nach Kitzingen, einer kleinen Lostech-Agrarwelt etwa 40 Lichtjahre von hier im Steiner-Raum“ erläuterte Keers die Grundzüge des Kontrakts. „Die Regierung dort, oder besser gesagt unser Auftraggeber hat Angst vor einem bevorstehenden Piratenüberfall und möchte uns zum Schutz und zur Ausbildung einer planetaren Miliz.“
„Und was ist mit den ganzen Staubschluckern die wir mit an Bord haben?“ bohrte Foster nach.
„Das ist der interessante Teil des Kontrakts“ sagte Keers, „es gibt nämlich auf Kitzingen keine Waffen, zumindest nichts militärisches.“ Foster zog eine Augenbraue nach oben. „Daher war eine Kaufberatung für Militärgüter zur Ausrüstung der Miliz von Anfang an Teil der Abmachung“ fuhr Keers fort, „gleichzeitig dient das Zeug als Kaution bis der Kontrakt seitens der Regierung Kitzingens auch vollständig erfüllt wurde.“ Keers schwieg und behielt für sich, dass Heinrich gar nicht genug Geld dabei gehabt hatte, um die Kompanie für ein Jahr Garnisonsdienst anzuheuern. Er hatte lediglich eine Anzahlung geleistet und die beschaffte Ausrüstung stellte eine Art Sicherheit dar, dass sie auch bezahlt wurden. Er blickte zum Master Chief und erkannte an dessen Blick, dass er ähnlich dachte. Diese ungewöhnlich schnelle in Marschsetzung ließ nur zwei Schlüsse zu. Entweder hatten sie unglaubliches Glück was die Verfügbarkeit von Sprung- und Landungsschiffen anging. Oder aber, was viel wahrscheinlicher war, ihr Auftraggeber hatte ein Vermögen ausgegeben um diesen zügigen Transport zu ermöglichen. Seit ihrem Rückzug aus dem Marik-Raum war Keers als ranghöchster Offizier gezwungen gewesen sich mit diesen Themen zu beschäftigen. Dabei würde die Verlegung etwa drei Wochen dauern in denen überwiegend Langeweile an Bord des Landungsschiffs herrschen würde. Bei fast konstant anderthalb G bewegte sich ohnehin niemand gerne. Zumindest war es ein großes, ziviles Landungsschiff was den Leuten deutlich mehr Platz bot als ihr altes militärisches Landungsschiff der Unionsklasse. Ferner hatten sie genug Zeit um Strategie und Taktik zu besprechen, auch wenn dabei auf aus dem Kopf gezeichnete Karten und Informationen von Heinrich zurückgegriffen werden musste.
„Und was gibt es so verdammt wichtiges auf Kitzingen, dass sich Piraten dorthin verirren?“ Foster ließ einfach nicht locker.
„Nichts, außer der Leute Arbeit der letzten zwanzig, dreißig Jahre“ entgegnete jetzt der Master Chief von seiner Liege aus. „Abgesehen davon sollte man grundsätzlich alle Piraten aus der Luftschleuse werfen und wir werden dafür sogar noch bezahlt“ fügte er hinzu, „und wir haben laut Kontrakt die kompletten Bergerechte aller Boden- und Luftstreitkräfte die wir besiegen, sowie einen einjährigen Garnisonskontrakt plus das Recht unter der Bevölkerung zu rekrutieren.“
„Was sollen wir denn mit den Bauernlümmel anfangen?“ beklagte sich Foster, „zu mehr als Schlammhüpfer taugen die eh nicht.“ „Nun, es gibt auf Kitzingen etwa hundert Industrie- und Agromechs und die müssen ja von jemand gesteuert werden. Das ist sicher kein NAIS, aber eine gute Basis. Außerdem haben die dort sehr wohl Kämpfer, sie haben eine Polizei und einen Zug für Sondereinsätze wie etwa Geiselbefreiungen. Gibt wohl auch dort böse Menschen“, mutmaßte der Master Chief. „Generell ist das wohl genau die Art von Kontrakt die wir gerade brauchen um die Kompanie wieder aufzubauen“, schloss der Master Chief seinen Vortrag ab.
„Hm, sonst noch etwas Lohnenswertes dort?“ brummte Foster.
„Oh, ja. Wein, Bier und Schnaps sollen dort gut und günstig sein“, fügte Keers mit einem Schmunzeln hinzu und sah wie sich Fosters Stimmung leicht aufhellte. Gut möglich, dass er doch noch das von Heinrich gestiftete Fass Bier auf dem Flug anstechen ließ, nur um die Moral der Truppe aufrecht zu erhalten. „Aber jetzt hauen Sie endlich ab, Frank, es gibt hier immer noch Leute die arbeiten“ schalt Keers den Jüngeren der sich zügig verkrümelte.
Roland sah ihn an und meinte nach einer kurzen Denkpause, „Sie haben ihm aber nur die halbe Wahrheit erzählt. Heinrich hat sich ja mit der Ausrüstung die wir unter unserer Flagge mit seinem Geld gekauft haben, praktisch finanziell an der Kompanie beteiligt. Das räumt ihm etwa fünf Prozent der Stimmrechte ein und natürlich auch die Beteiligung an den Bergerechten, ganz zu schweigen von den anderen Klauseln.“ „Ich wusste vor unserem letzten Kontrakt auch nicht, wie hoch die Schulden der Kompanie tatsächlich waren“ entgegnete Keers, „und wie dringend wir deshalb diesen riskanten letzten Kontrakt brauchten. Es gibt keinen Grund wegen einiger Kontraktdetails schlechte Stimmung bei den Leuten aufkommen zu lassen. Wie Sie schon sagten, dieser Kontrakt ist genau das was wir brauchen und wir wissen gar nicht, ob der Planet überhaupt angegriffen wird. Und selbst wenn, mit ein paar Piraten werden wir und die neue Miliz doch spielend fertig. Unsere Leute brauchen Hoffnung, wir müssen jetzt nach vorne sehen und die Schatten der Vergangenheit hinter uns lassen.“ Zustimmend nickend wandte sich Roland wieder seinem Schreibpad zu. Er fand, dass Keers obwohl noch jung und völlig unvorbereitet, zunehmend besser in die Rolle des Kompaniechefs hineinwuchs.

-

Im „Leuchtturm“ genannten Medienzentrum, einem modernen, nur wenige Jahre alten zwanzigstöckigen Hochhaus im Zentrum Frankens genoss Glenn Fuchs die ruhigen Nachtschichten in der Bodenkontrolle. Er ging stramm auf die siebzig zu und schlief sowieso nicht mehr so viel am Stück. Außerdem waren auf Kitzingen Arbeitskräfte knapp und so konnte er sich nicht nur die Rente aufbessern, sondern trug selbst nach seiner aktiven Zeit als Biologielehrer seinen Teil zur Gesellschaft bei. Als i-Tüpfelchen obendrauf konnte er die Zeit fast komplett zum Schreiben seines Buches über die Entwicklung der Arten Kitzingens seit der Kolonisation nutzen, denn entweder liefen die Geräte komplett automatisch oder waren inaktiv. Die Wetterdaten der vier geostationären Satelliten wurden sowieso direkt zum Wetterdienst drei Stockwerke über ihm weitergeleitet und die interkontinentale Kommunikationsverbindung war automatisiert. Er hatte also nur die Lebenszeichen der Satelliten zu überwachen und hier und da ein Protokoll oder eine Diagnose zu starten damit alles reibungslos funktionierte. Wobei sich das in den nächsten Jahren ändern konnte, schließlich stieß das explosionsartig wachsende Kommunikationsvolumen schon an die Kapazitätsgrenze der kleinen Satelliten. Als der Rat sie vor sechs Jahren von der Stange günstig gekauft hatte war diese Entwicklung noch nicht abzusehen und die Wettermodule waren der eigentliche Zweck gewesen. Leider boten die Satelliten auch keine Navigationsunterstützung, was nicht nur für die Verkehrsleitung von Vorteil, sondern auch für viele Agrarbetriebe mit riesigen Feldern sehr nützlich sein würde. Die Fakultät für Technische Mathematik Frankens arbeitete zwar angeblich an einem eigenen Satelliten, aber mangels Elektroindustrie auf Kitzingen mussten eben viele Teile langwierig und teuer außerwelts beschafft werden, was das Projekt in die Länge zog. Abgesehen davon konnte man das ohnehin nur als Forschungsprojekt betrachten, da es solche Satelliten günstig in Massenfertigung von diversen großen Aerospace-Konzernen gab und die Positionierung im All von jedem halbwegs fähigen Piloten eines Landungsschiffs durchgeführt werden konnte.
So oder so unterbrach ihn gerade das Summen einer Konsole beim Schreiben über das Verschwinden aller großer Raubtiere an Land seit der Kolonisierung des Planeten. Er war einigermaßen überrascht, denn dieses Gerät war ausschließlich zur Langstreckenkommunikation mit Sprung- und Landungsschiffen bestimmt, wobei die Satelliten über Richtlaser jederzeit die Verbindung mit beiden Standardsprungpunkten ermöglichten. Häufig wurde dieser nicht eingesetzt, da Kitzingen nur sporadisch Besuch bekam. öfters machten diese Sprungschiffe auch nur zum Aufladen Halt im System, falls es nicht lohnenswert war ein Landungsschiff auf die etwa achttägige Reise bei Normalbeschleunigung nach Kitzingen zu schicken, oder falls die angedockten Landungsschiffe mit Ladung voll bis zum Rand waren. Letzteres war gar nicht so selten, da es nur wenige Sprungschiffe in diesem Raumgebiet gab und diese quasi auf Rundreise die Fracht etlicher Systeme einsammelten und an ebenso viele lieferten. Um Fixkosten zu sparen hatten sich einige Kitzinger Händler daher auch zur Handelsgenossenschaft zusammengeschlossen, um ein- oder zweimal im Jahr ein Landungsschiff annähernd voll zu bekommen. Aber auch so wurden mit jedem „durchspringenden“ Schiff Nachrichten ausgetauscht, da Systeme ohne eigene HPG Station ja sonst nur wenig mitbekamen. Die Kommunikation musste allerdings von Hand abgewickelt werden und auch für diese Aufgabe wurde er bezahlt. Er rollerte auf seinem Bürostuhl zur Konsole und sandte eine Empfangsbestätigung für die Kennungen die er gerade erhalten hatte. Seine Sendung würde über eine Stunde brauchen um etwas mehr als eine Milliarde Kilometer zum Sprungschiff zurück zu legen und eine weitere Stunde würden neue Nachrichten vom Sprungschiff bis nach Kitzingen brauchen. Da Sprungschiffe ungefähr eine Woche zum Aufladen brauchten gab es keine Eile. Also holte er sich erst mal einen Kaffee und ein Sandwich vom Automaten im Foyer. Als er zehn Minuten später zurück war bemerkte er erstaunt den Erhalt eines dutzend Nachrichten die offenbar kurz nach der ersten Sendung auf den Weg geschickt wurden. Sie trugen alle die persönliche Kennung von Heinrich, dem Handelsgesandten und waren fast alle mit höchster Priorität an diverse Mitglieder der Handelsgenossenschaft und des Frankenrats adressiert.
„Na, die werden sich aber freuen“, dachte Fuchs bei sich, als er um drei Uhr nachts die Nachrichten an die Empfänger weiterleitete.

-

Sonja Becker betrat das Gebäude der Handelsgenossenschaft, ein schön restauriertes, knapp dreihundert Jahre altes Weingut in Fachwerkbauweise, das mittlerweile fast in der Innenstadt Frankens lag. Sie war die letzte die ankam, aber die meisten anderen Genossenschaftsmitglieder musste auch nicht wie sie zwei Stunden durch die Nacht fliegen um Franken zu erreichen. Die zwanzig Minuten vom Flughafen vielen da schon nicht mehr ins Gewicht. Glücklicherweise hatte sie ihre Tochter geflogen und gefahren, weil sie nach Jochens Nachricht sicher nicht in der Lage gewesen wäre ein Flugzeug oder Auto sicher zu führen.
„Allmächd!“ dachte sie als sie zum Konferenzraum ging und erinnerte sich an das dramatische Bild was die Nachricht in ihr heraufbeschwor. Sie hatte damals beim Piratenüberfall ihre Schwester verloren und es war ihr klar, dass Jochen diesen Umstand nutze um sie auf seine Seite zu ziehen. Dennoch vertraute sie Jochen seit jeher wenn es um die Geschäfte auf anderen Welten ging und wenn er der Meinung war es bestand eine reale Gefahr, so würde sie ihn mit all ihrer Kraft unterstützen. Genau deshalb war sie persönlich hierhergekommen anstatt sich bequem via Videokonferenz zu beteiligen. So konnte sie persönlich mit den anderen Mitgliedern reden und diese von Jochens Vorhaben überzeugen und sie würde alle Register ziehen müssen um all die Empörung und Feindseligkeiten zugunsten Jochens zu wenden.
„Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man ihn auspeitschen und in die Wüste schicken sollte“ ereiferte sich Conrad Freisinger, „unser Vertrauen derart zu missbrauchen und das hart verdiente Geld für eine derart bescheuerte Idee zum Fenster hinaus zu werfen. Ich kann nicht verstehen, wie Ihr ihm so was durchgehen lassen wollt. Seid Ihr alle meschugge geworden von dem Gruselmärchen?“
„Nein, sind wir nicht“ antwortete Sonja in eisigem Tonfall, „uns ist völlig klar, dass wir mehr als zwei Sprünge von der LFW entfernt sind. Es geht aber nicht um eine feindliche Invasion, sondern um zwei Piratenüberfälle die keineswegs so weit weg waren und erst vor kurzem stattfanden. Auf Planeten, die unserer Welt ähnlich sind. Kein Militär in unmittelbarer Reichweite, kein HPG Sender und nicht so stark bevölkert oder industrialisiert, dass effektiver Widerstand zu erwarten ist.“
„Das ist doch alles Blödsinn, es gibt im Umkreis von fünfzig Lichtjahren ein Dutzend Systeme auf die das auch zutrifft. Warum sollte es also gerade uns treffen, sofern überhaupt ein Angriff bevorsteht?“ erwiderte Freisinger, „Ich glaube eher, dass euch der Quatsch über die Piraten den letzten Funken Verstand geraubt hat, besonders dir, Sonja.“
Sonja schnappte nach Luft und noch bevor jemand schlichtend eingreifen konnte giftete sie zurück „Und ich glaube, unsere Sicherheit ist dir scheißegal, du denkst nur an die neue Umgehungsstraße die der Rat erst ein paar Jahren später bauen wird, wenn er das Geld fürs Militär braucht. Du verdammter geldgeiler Furz, wenn die Piraten tatsächlich hier vorbeischauen, dann werden die nächsten zwanzig Jahre keine Umgehungsstraßen mehr gebaut, genauso wie es beim letzten Mal der Fall war. Alle menschlichen Opfer mal beiseitegelassen hat die Wirtschaft so lange gebraucht um sich wieder zu erholen, das wissen hier alle, und wir haben dieses Mal viel mehr zu verlieren.“ Kaum ausgesprochen bedauerte Sonja schon die harten Worte, da sie dadurch die Unentschlossenen verprellte. Aber er hatte gezielt ihren schwachen Punkt ausgenutzt und sie konnte das Unbehagen einiger anderer Anwesenden sehen.
Sie räusperte sich und fuhr gefasster fort „Fassen wir doch nochmals zusammen. Unser Geld könnte Heinrich im schlimmsten Fall in den nächsten zehn oder fünfzehn Jahren zurückerstatten. Schlimmstenfalls nötigen wir den Rat etliche Bau- und Entwicklungsprojekte der kommenden fünf Jahre auf Eis zu legen um die Söldner und den Aufbau der Miliz zu bezahlen.
Aber berücksichtigt die Vorteile die so eine Garnison mit sich brächte. Die Soldaten werden den Sold in den Bars auf den Kopf hauen, sie werden in unseren Läden einkaufen, sie werden Verpflegung bei unseren Händlern kaufen, sie werden unsere Unterhaltungsangebote nutzen und so wird ein erklecklicher Teil des Geldes wieder zurück in unsere Wirtschaft fließen. Darüber hinaus können wir aktiv mit dem Schutz werben und so vielleicht den ein- oder anderen Investor oder Zuwanderer nach Kitzingen locken. Schlimmstenfalls wird der Verlust also nur ein kleiner sein.“
Sonja sah zwar weiter Zweifel in vielen Gesichtern, konnte aber spüren, dass ihr Schnitzer schon fast vergessen und das vorherige Gleichgewicht aus Gegnern und Unterstützern wieder hergestellt war. Jetzt war es an der Zeit, noch wenigstens ein oder zwei Stimmen zu ködern um nach vier Stunden pausenlose, erregte Diskussion endlich zu einer Entscheidung zu kommen.
„Haben wir aber tatsächlich Piraten am Hals, so können wir uns nicht nur verteidigen, es kann sogar noch das ein oder andere für uns abfallen“ lockte sie die anderen. „Wie es im Kontrakt steht, sind wir nicht nur am Bergerecht beteiligt, sondern obendrein steht uns noch ein Anteil von einem Prozent der gesamten Beute zu. Ich weiß ja nicht, was so ein Piratenschiff voll mit Ladung wert sein mag, aber ich kann mir da schon einiges vorstellen.“
Sie ließ die Worte ein paar Sekunden wirken, damit sich jeder der Anwesenden selbst ein Bild von mit Schätzen gefüllten Landungsschiffen ausmalen konnte.
„So, und jetzt bitte ich um eine Abstimmung, dass wir den Rat offiziell um die Anheuerung der Söldner für diesen begrenzten Zeitraum und die Aufstellung einer Miliz ersuchen“ schloss sie ihr Plädoyer ab.

-

Es regnete leicht, als das Landungsschiff „Hornester´s Friend“ der Mule-Klasse mit seinem donnernden Fusionsantrieb auf das alte Landefeld am Flughafen sachte aufsetzte. Die Fahrzeuge näherten sich dem Schiff, sobald dieses mit grünem Landelicht die Sicherheit signalisierte. Vorneweg fuhr eine Limousine aus der neben einem Vertreter des Rats auch Sonja ausstieg, sobald sich die Ladeluken des Schiffs geöffnet und die Laderampen gesenkt hatten. Heinrich kam als erster heraus, dicht gefolgt von Lieutenant Keers. Beide stiegen in das Auto, das sie alle zum Ratsgebäude zur endgültigen Unterzeichnung des Kontrakts brachte. Währenddessen wurde das Landungsschiff entladen, wobei auch zwei Lademechs aus dem Fuhrpark Freisingers zum Einsatz kamen für die er lediglich den dreifachen Satz berechnete. Einen halben Tag später war die Ladung komplett gelöscht und die Söldner waren mitsamt ihrer sechs Battlemechs und aller Ausrüstung provisorisch in einem Hangar am Flughafen untergebracht. „Ist ja ein Mistwetter da draußen“ meinte Foster, „und arschkalt obendrein.“
„Kein Wunder“ entgegnete Sergeant Fiona Rider, die neben ihm stand. „Im Gegensatz zu der letzten glühenden Sandkugel kommt einem alles feucht und kalt vor. Dafür gibt´s hier keinen verdammten Sand in der Luft und der Wind dörrt einem die Kehle nicht so aus.“
„Dürfte ich die Damen daran erinnern, dass wir einen Arsch voll Arbeit haben um einsatzbereit zu werden?“ fragte Master Chief Roland streng, der unbemerkt hinter die beiden getreten war. „Die Faulenzerei ist vorbei, marsch, marsch!“
„Ist ja schon gut Chief“ antwortete Rider, „mein Schütze läuft schon und sollte in einer Stunde zum ersten Testlauf bereit sein.“
„Und wie steht´s um Ihren Panther, Foster?“
„Ah, ja. äh, sie wissen aber schon Chief, dass der ganz hinten im Landungsschiff stand und deshalb erst vor einer Stunde entladen wurde?“ verteidigte sich Foster.
„Umso mehr haben Sie ja noch zu tun und keinen Grund hier faul herumzuhängen“ erwiderte Roland. „Zur Arbeit weggetreten, bevor ich Ihnen in den Arsch trete!“
Foster mochte ja ein ganz guter Mechpilot sein dachte sich der Master Chief als er die Leute zurück an die Arbeit scheuchte, aber ab und brauchte er einfach einen Arschtritt. Die Faulenzerei der letzten Wochen hatte ihnen allen aber nicht gut getan und so würde er die nächsten Tage damit verbringen der Truppe ordentlich den Marsch zu blasen um sie wieder einsatzbereit zu machen. Drill, Fitness und Manöver, es wäre doch gelacht, wenn er die Jungs und Mädels unter seiner Fittiche nicht in kürzester Zeit wieder in Form bringen würde.


Zum Inhaltsverzeichnis

Teil3




Zum Inhaltsverzeichnis

Insgesamt ist 1 Besucher online: 0 registrierte, 0 unsichtbare und 1 Gast (basierend auf den aktiven Besuchern der letzten 5 Minuten)
Der Besucherrekord liegt bei 26 Besuchern, die am Do 5. Jan 2017, 21:20 gleichzeitig online waren.

Mitglieder: 0 Mitglieder
Legende: Frankenkrieger, Offiziere, Rekruten

Statistics

Beiträge insgesamt: 14677 • Themen insgesamt: 2004 • Mitglieder insgesamt: 244 • Unser neuestes Mitglied: Krondagh
cron